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Vorkontakt. Ein Bedürfnis entsteht langsam, indem es sich bemerkbar macht. Das genaue Bedürfnis ist noch unklar, zunächst ist da nur Unruhe, Unwohlsein, unbestimmte Erregung usw., die dazu dient, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Dieses Stadium wird »Vorkontakt« genannt, weil ein konkreter Kontakt mit irgendetwas noch nicht besteht.
Kontakt mit dem eigenen Bedürfnis. Dann bemerkt man das sich intensivierende Bedürfnis; bemerkt z.B.: »Ich habe Hunger.« In diesem Stadium beginnt der Kontakt. Zunächst ist dies der Kontakt »mit sich selbst« bzw. mit seinem Bedürfnis. Die Erregung nimmt zu, es beginnt sich die Energie aufzubauen, die notwendig ist, um das Bedürfnis befriedigen zu können.
Kontakt mit der Umwelt: Sehen und Tasten = Auswählen und Beurteilen. Das folgende Stadium ist die Kontaktaufnahme mit der Umwelt. Man erforscht die Möglichkeiten, das Bedürfnis zu befriedigen, z.B. das Vorhandensein von etwas, das den Hunger stillt. Dies kann etwa durch Blickkontakt geschehen oder durch den Blick in die Erinnerung (»Ist wohl noch was Leckeres im Kühlschrank?«). Die Erwartung, das Bedürfnis befriedigen zu können, steigert die Energie, die zur Verfügung gestellt wird, fast auf den Höhepunkt.
Kontakt mit der Umwelt: Handeln, Eingreifen, Umgestalten, Zerlegen = Aggression. Darauf folgt der direkte Kontakt: Man tut, was das Bedürfnis sagt und wozu die Umwelt eine Ressource bereit hält. Dieses Stadium kann lange anhalten, wenn die Befriedigung des Bedürfnisses schwierig ist (beispielsweise muss erst etwas Essbares eingekauft werden). Die aggressive Umgestaltung der Umwelt in der Weise, die das Bedürfnis zu befriedigen erlaubt, bedarf der Energie. Es kann aufgrund der sich auftuenden Schwierigkeiten noch weitere Energie mobilisiert werden, jedoch verbraucht sie sich schnell. Der Höhepunkt der Erregung wird erreicht und dann überschritten.
Kontakt mit der Umwelt: Assimilation (andere verwendete Begriffe: »Integration«, »kreative Anpassung«). Schließlich muss, um das Bedürfnis zu befriedigen, die Umwelt-Ressource (= Nahrung) aufgenommen, umgestaltet und mit dem eigenen Körper »vermischt« (= verdaut) werden. Mit der Assimilation flaut die Erregung schnell ab.
Nachkontakt. Wenn das Bedürfnis schließlich erfüllt ist, stellt sich Befriedigung ein. Damit ist die »Welle« abgeschlossen – eine »Gestalt hat sich geschlossen«. Die Erregung sinkt zurück auf den Nullpunkt, der Organismus ist bereit für die nächste »Welle«.
Deflektion. Jemand versucht, dem notwendigen Konflikt durch Ausweichen zu entgehen. Er wendet sich ab, schläft ein, »deflektiert«. Es fehlt die Kontaktfunktion des Konfliktes, der durch »deflektierenden« Rückzug aus der Umwelt vermieden wird. Farbe in der Auswertung: Blau. Blau symbolisiert Zurückgezogenheit und Abgehobenheit, in die man sich durch Deflektion zurückzieht.
Mögliche Notwendigkeit: Aus der Vielzahl von Kontaktangeboten und -möglichkeiten muss stets ausgewählt werden. Manchmal lässt sich das nicht anders bewältigen, als durch eine ungeprüfte Zurückweisung. – Die Unfähigkeit zur Deflektion ist selbst eine Art von Deflektion, nämlich das Ausweichen vor der Notwendigkeit des Auswählens.
Konfluenz. Konfluenz bezeichnet fehlende Kontaktgrenzen gegenüber der Umwelt. Wer sich immer nach den Erwartungen anderer richtet, jeden Konflikt vermeidet, Harmonie und Nähe um jeden Preis herstellen will, ist »konfluent«. Er grenzt sich nicht von anderen ab. Die Kontaktfunktion des Konfliktes fehlt wie bei der Deflektion. Aber das Mittel der Konfliktvermeidung ist Gleichklang mit der Umgebung (also nicht Ausweichen), »Schwimmen mit dem Strom«. Farbe in der Auswertung: Grün. Grün symbolisiert die freundliche Geselligkeit, die man sich in der Konfluenz auf seine eigenen Kosten erschafft.
Mögliche Notwendigkeit: Um gute Stimmung, Gemeinsamkeit und Zusammenhalt in der Gruppe zu ermöglichen, ist es oft hinderlich, sich stets abzugrenzen oder auf dem eigenen Standpunkt unnachgiebig zu beharren. – Meinen, sich stets ungehemmt abgrenzen zu sollen oder immer auf dem eigenen Standpunkt beharren zu müssen, ist ebenfalls eine Form von Konfluenz, weil man sich – wenn auch in der Negation – am Maßstab der anderen, nicht am eigenen Maßstab orientiert.
Projektion. Einem anderen Menschen werden Dinge unterstellt, die man bei sich selbst ablehnt. Jemand ist wütend, aber hat z.B. die introjizierte Norm, dass man nicht wütend sein dürfe. Wohin mit der Wut? Der Wütende spürt sie ja! Da er sie aufgrund seiner Norm nicht haben darf, unterstellt er nicht selten, dass der andere wütend sei – der vielleicht gar nicht wütend ist. Wem aber lange genug unterstellt wird, dass er wütend sei, fühlt sich am Ende angegriffen. Eine Kontaktstörung ist das, weil der Gegenüber nicht so wahrgenommen wird, wie er ist. Darum kann man mit ihm nicht wirklich in Kontakt treten; an dessen Stelle tritt die Unterstellung. Die Projektion findet im Stadium 3 der Gestaltwelle statt, dann nämlich, wenn jemand in der Umwelt nach Ressourcen sucht, um sein Bedürfnis zu befriedigen. Das setzt natürlich voraus, dass man die Ressourcen richtig wahrnimmt. Farbe in der Auswertung: Rot. Rot symbolisiert die Aggressivität, die man beim Projizieren erzeugt, indem man seiner Umwelt Aggressivität unterstellt. Der Schwarzmaler erzeugt gleichsam »rot«.
Mögliche Notwendigkeit: Aufgrund einer introjizierten Norm der Art »Man darf nicht schlecht von den Mitmenschen denken« kann es natürlich auch zu der umgekehrten Form der Projektion kommen, und man nimmt einen Angriff auch dann nicht wahr, wenn er tatsächlich stattfindet. Stattdessen redet man sich die Sache schön.
Retroflektion. Jemand ist beispielsweise eigentlich auf jemanden anderes wütend. Seine Norm sagt ihm aber, dass Wut etwas Schlechtes sei. Er darf also nicht selbst wütend auf den anderen zugehen, weil er dann ja seine Norm verletzen würde. Wohin mit der Wut? Er richtet die Energie der Wut gegen sich selbst, denn keine Norm verbietet ihm, Wut gegen sich selbst zu richten. Das ist Retroflektion: Selbstbestrafung. (Umgekehrt kann sich Retroflektion auch in Selbstbelohnung ausdrücken.) Wenn wir »retroflektieren«, tun wir uns das an, was wir jemand anderem antun möchten. Ein Kontakt mit dem Gegenüber kommt auf diese Weise gar nicht mehr zustande, nicht einmal in den rudimentären Ansätzen der Introjektion und der Projektion. Farbe in der Auswertung: Grau. Grau symbolisiert die Niedergeschlagenheit, die man sich beim Retroflektieren beibringt.
Mögliche Notwendigkeit: Verantwortliches Handeln beinhaltet, gegebenenfalls Schuld und Fehler einzugestehen. Den moralischen Maßstab, den man an andere anlegt, muss man auch für sich selbst gelten lassen, also »retroflektieren« können. – Allerdings bleibt auch die Negation der Retroflektion eine Art Retroflektion: Man holt sich das, was man von anderen will – »Entschuldung« (im 4. Stadium) bzw. »Wertschätzung« (im 6. Stadium) –, aber nicht bekommt, nur durch sich selbst.
Introjektion. Introjektion bezeichnet in der Gestalttherapie die »unverdaute«, »unassimilierte« oder »unangepasste« Aufnahme von Nahrung, Normen usw. Dinge werden »als Ganzes« geschluckt, ohne angepasst (integriert) zu werden. Introjektion ist schlucken, ohne das Geschluckte zu zerkleinern bzw. zu verändern. Das können unzerkaute Lebensmittel ebenso sein wie unverstandene oder uneingesehene Normen. Das introjizierte »Ding« ist das »Introjekt«. Eine Kontakthemmung ist das, weil der Mensch, der etwas introjiziert, das Introjekt so wenig wie möglich »berührt«. Er tritt nicht richtig in Kontakt mit ihm, sondern schluckt es schnell hinunter, um keinen Kontakt zu haben. Darum liegt ihm das Introjekt auch schwer im Magen, weil nämlich das Verdauen – der gestalttherapeutische Name dafür ist »Assimilation« (kreative Anpassung) – selbst eine Kontaktfunktion ist. – Die Introjektion kann definitionsgemäß nur im Stadium 5 der Gestaltwelle, nämlich der Assimilation, stattfinden. Farbe in der Auswertung: Schwarz. Schwarz symbolisiert die Mischung aller Farben, so wie man beim Introjizieren alle Einflüsse aufnimmt, ohne sie zu filtern.
Mögliche Notwendigkeit: Wir alle haben unser Leben mit einer Introjektion begonnen, nämlich mit Muttermilch oder ihr entsprechenden Ersatzstoffen. Auch später kann es notwendig sein, dass wir Dinge gleichsam vorgekaut bekommen, weil wir noch nicht oder nicht mehr in der Lage sind, sie selbst zu zerkleinern. – Aber auch eine Negation der Introjektion bleibt Introjektion: Die Dinge werden nicht danach ausgewählt, ob sie zu- oder abträglich sind, sondern unbesehen abgelehnt.
konzentrieren: Eine Handlung beginnt damit, die eigene Unruhe wahrzunehmen bzw. Veränderungen in der Umwelt, die das eigene Handeln erfordern. Dabei müssen jedoch Störeinflüsse ignoriert werden, um sich darauf konzentrieren zu können, was nötig ist.
selbstbestimmen: Als nächstes wird man das eigene Bedürfnis von der Umwelt abgrenzen, sich dabei aber sinnvoll an Gegebenheiten anpassen. Auf diese Weise wird die eigene Position selbstbestimmt eingenommen, also nicht durch die Umwelt geprägt (nämlich mit übertriebener Abgrenzung oder unkritischer Anpassung).
abwägen: Einerseits wird klar, wessen man bedarf, aber es ist ebenso notwendig, auf die Befriedigung solcher Bedürfnisse zu verzichten, die hinderlich oder schädlich wären. Dies geschieht durch Abwägen.
auswählen: Der folgende Schritt besteht darin, sich für die Wahrnehmung der Ressourcen, die die Umwelt zur Verfügung stellt, offenzuhalten, aber dichtzumachen gegenüber Überreizungen. Man wird also auswählen.
einschätzen: Die ausgewählten Umweltressourcen werden realistisch eingeschätzt, also weder schöngefärbt (aufgrund dessen man falsche Erwartungen hegt und sich enttäuscht sieht), noch schwarzgemalt (wodurch man sich angegriffen sieht und zum vorschnellen Aufbrausen tendiert).
realisieren: Richtig eingeschätzte Ressourcen ermöglichen es dem Handelnden dann, das Ziel (»aggressiv«) zu realisieren, ohne zu viel zu riskieren oder zu früh zu resignieren.
verantworten: Bei der (»aggressiven«) Realisierung des eigenen Ziels ist man für das eigene Handeln verantwortlich (also auch, indem man ggf. »sich schuldigfühlt«), aber lehnt es ab, für Dinge verantwortlich gemacht zu werden, die gar nicht im Ermessen der eigenen Handlung liegen; gegenüber solchen Zuschreibungen darf man »sich reinwaschen«.
ausgleichen: Nach Feststellung der eigenen Verantwortung kann man zwischen starrsinnigem Beharren und voreiligem Nachgeben den angemessenen Ausgleich finden.
verarbeiten: Nach der verantwortlichen und ausgeglichenen Realisierung des Ziels wird das Ergebnis verarbeitet, indem das Nahrhafte und Brauchbare vom nicht Nahrhaften und Unbrauchbaren getrennt wird. Das Nahrhafte wird mit allen seinen möglicherweise noch verbliebenen Problemen hingenommen, das Unbrauchbare abgelehnt und ausgeschieden.
wertschätzen: Zum Abschluss der Handlungssequenz wird das Gute gutgeheißen, ohne sich zu überschätzen, und das Schlechte schlechtgeheißen, ohne sich abzuwerten; vielmehr wird der wahre Wert ohne Groll wertgeschätzt.
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